Mrożeks „Tango“ auf der Bühne des Theaters Vorpommern. 2006.

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Mrożeks „Tango“ auf der Bühne des Theaters Vorpommern. Voraussetzungen und Interpretationen in Wort und Bild. Dettelbach 2006.  

Vorwort

Dieser Band stellt Interviews, Analysen und Bildmaterialien vor, die im Zusammenhang mit dem von mir im Wintersemester 2004/2005 am Institut für Slawistik der Universität Greifswald durchgeführten Proseminar „Polnisches Drama in Theater und Film“ entstanden sind oder wesentlich zur Standpunktbildung der Teilnehmer beigetragen haben.

Zusammen mit einer weiteren, von Michael Düring durchgeführten Lehrveranstaltung zur Geschichte des polnischen Dramas bildete dieses Medien und Fächer übergreifende Proseminar ein literaturwissenschaftliches Mikromodul im B.A.-Studiengang Polonistik.

Der berufspraktischen Orientierung dieses Studienganges und neueren literaturtheoretischen Erkenntnissen sowie der damit verbundenen Interdisziplinarität Rechnung tragend, rückte das diesem Band vorausgehende Proseminar dramatische Texte in einen engen Zusammenhang mit ihrer Aufführung. Damit stellte sich die Aufgabe, verschiedene Aspekte miteinander zu verbinden. Akzente waren sowohl auf den Erwerb literaturgeschichtlicher und literaturtheoretischer Zusammenhänge als auch auf die Vermittlung praktischer Fertigkeiten zu legen, die eine kenntnisreiche Analyse polnischer Stücke auf deutschen Bühnen und im Film ermöglichen.

Dass im Laufe der Zeit aus dem Kreis der behandelten Werke exemplarisch Mrozeks Dreiakter „Tango“ ausgewählt wurde, um konkrete Einblicke in die Rezeption polnischer Dramatik auf deutschsprachigen Bühnen zu gewinnen, hatte mehrere Gründe. Zum einen war dafür die Faszination ausschlaggebend, die Slawomir Mrozek mit seiner in der polnischen Literatur und Kultur verbreitete Mythen und Stereotype hinterfragenden grotesk-satirischen Schreibweise auf die sowohl aus Deutschland als auch aus Polen stammenden Studentinnen und Studenten ausübte. Ein weiterer entscheidender Impuls ging von der Inszenierung Uta Koschels aus, die Mrozeks „Tango“ in der Spielzeit 2004/2005 am Theater Vorpommern auf die Bühne brachte. Das in Greifswald und Stralsund agierende Theater reihte sich damit in eine ganze Palette von Inszenierungen ein, die „Tango“ seit seiner Uraufführung im Jahre 1965 in Belgrad sowohl in Polen als auch im Ausland immer wieder erfahren hat (vgl. das in diesem Band abgedruckte Verzeichnis wichtiger Inszenierungen).

Diese besonderen Umstände legten es nahe, nach der Spezifik der Greifswalder Aufführung zu fragen und diese mit dem Blick auf den Text und seine Aufführungsgeschichte zu dokumentieren und zumindest ansatzweise zu beschreiben. In Vorträgen und Diskussionen, die im Seminar und zunehmend auch darüber hinaus stattfanden, rückten die Mrozeks Text innewohnenden Potenzen für eine Transformation auf die Bühne sowie das die Interpretation des Textes prägende Zeichensystem des Theaters ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Besondere Herausforderungen gingen dabei von der Tatsache aus, dass es sich bei Mrozek um einen Autor handelt, der zum institutionalisierten Theater in einem widerspruchsvollen Verhältnis steht und in seinen nicht selten „diktatorisch“ formulierten Regieanweisungen und publizistischen Äußerungen immer wieder nonverbale und visuelle Ausdrucksmittel gegen das Wort auszuspielen bemüht ist.  Dem Zusammenspiel verbaler und nonverbaler Ausdrucksmittel Aufmerksamkeit zu schenken, erschien auch deshalb wichtig, da das Greifswalder Ensemble in seiner Aufführung auf die von Experten als etwas „leichtgewichtig“ bezeichnete Übersetzung Ludwig Zimmerers angewiesen war, die Text- und Bildzitate des polnischen Originals zum Teil abweichend vom Ausgangstext überträgt.  Ohne Anspruch auf eine umfassende Klärung dieser Fragestellung erheben zu können, hofft vorliegender Band Anstöße zur literatur- und theaterwissenschaftlichen Beschäftigung mit einer Inszenierung zu geben, die Mrozeks „Tango“ am Beginn des 21. Jahrhunderts nah am Text und zugleich bühnenwirksam präsentiert hat und so darauf abzielte, eine Leerstelle im System der vorhandenen Aufführungen zu besetzen.

Einen wichtigen Höhepunkt dieser wechselseitigen Betrachtungen von Text und Aufführung bilden Rezensionen, die Ergebnisse eines Aufführungsbesuches von „Tango“ im November 2004 dokumentieren. Trotz des allen Interpretationen zugrunde liegenden erkenntnisleitenden Interesses für das Verhältnis von Text und Bühnenfassung lässt die jeweils spezifische Sichtweise der einzelnen Autorinnen und Autoren jeweils andere Facetten der Inszenierung sichtbar werden. So kann ein tieferer Einblick in den als Familienstück mit philosophischen Einschüben konzipierten vieldeutigen Dreiakter „Tango“ gewonnen werden, der seinen Reiz vor allem aus der grotesken Mischung von Banalem und Erhabenem, Komischem und Ernstem sowie Alltäglichem und Philosophischem bezieht.

Am Beginn des Rezensionsteils steht mit „Auf zum Tango und zurück zur Form“ Michael Dürings Einführung in Mrozeks Schaffen, in der die zeitlose Relevanz des Stückes und seine Offenheit für Neu-Interpretationen besonders hervorgehoben werden. In dem sich anschließenden Beitrag von Ute Scholz „Slawomir Mrozeks ‚Tango’, ein Kabinettstück besonderer Art am Theater Vorpommern“ werden in der Strichfassung enthaltene Dialoge und Monologe einzelner dramatis personae zu nonverbalen dramatisch-theatralischen Ausdrucksmitteln wie den akrobatischen Sprüngen der Schauspieler, der Farbgestaltung der Kostüme und der Semantik des Bühnenraumes ansatzweise ins Verhältnis gesetzt. Diana Stuckatz nutzt den vom Ensemble in das Stück eingefügten Lou-Reed-Klassiker „Just a perfect day“ gekonnt als Aufhänger für eine Analyse der grotesken Szenen und Handlungen, mit denen die Zuschauer in das Spiel gegen Anarchie und Chaos eingebunden werden. Thomas Maier beschäftigt sich mit der Figurenkonstellation des Stückes als Familiendrama sowie der Umsetzung von Identitätsverlusten und Entfremdung auf der Bühne. Besondere Aufmerksamkeit erfahren dabei komplizierte Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren, die sich nicht nur in das Interpretationsvermögen der Zuschauer auf eine harte Probe stellenden Wortmeldungen einzelner Gestalten manifestieren, sondern sinnbildhaft in einem von ihm konstruierten Wechsel der Tanzpartner aufscheinen.

Alexandra Kruszynska und Sofie Maertens interessieren sich für historische, politische und philosophische Dimensionen der Grundkonstellation des Stückes und thematisieren dabei, aktuelle Fragestellungen streifend, eigene Sehgewohnheiten. Izabela Szydlik rückt die Werbestrategie des Theaters, das mit seinem provokativen Plakat zu „Tango“ breite Zuschauerschichten anzusprechen suchte, ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Um die Greifswalder Aufführung und ihre Rezeption möglichst umfassend zu dokumentieren, fanden darüber hinaus mit „Furioses Spiel um Chaos und Normen“ und „Schaurige Komik in Mrozeks ‚Tango’“ zwei Rezensionen Aufnahme, die in der überregionalen Tagespresse erschienen sind.

Sich nicht wiederholend, wohl aber ein Licht aufeinander werfend, ermöglichen diese individuellen Zugänge Einblicke in die unterschiedlichen Facetten einer Inszenierung, die in der Übersetzung gespeicherte Formerfahrungen und damit verbundene Fragestellungen spezifiziert und mit eigenen Akzentuierungen bühnenwirksam umgesetzt hat.

Noch stärker tritt die Spezifik der Greifswalder Inszenierung aber in Gesprächen und Interviews hervor, die mit den unmittelbar an der Aufführung beteiligten Theaterpraktikern geführt wurden. Bereitwillig gewährte das Ensemble Einblicke in seine Begegnungen mit Mrozek und dem von ihm verfassten Stück. Im Interview mit Michael Baumgarten, dem Chefdramaturgen des Theaters Vorpommern, klingen neben direkt auf „Tango“ bezogenen Fragestellungen, u.a. zur Auswahl des Stückes und zur Übersetzung, auch übergreifende Gesichtspunkte an. So kommt die Spielplangestaltung in Zeiten knapper Kassen zur Sprache, es werden Möglichkeiten des Theaters erörtert, auf unterschiedliche Zuschauerinteressen Bezug zu nehmen. Obwohl Uta Koschel, die Regisseurin, nicht dazu neigt, programmatische Selbstäußerungen abzugeben, gewährte sie doch punktuell Einblicke in ihren Inszenierungsstil, wenn sie von der Faszination, die „Tango“ bis heute auf sie ausübt, spricht und die Herausforderungen reflektiert, die mit der Neuinszenierung nicht zuletzt deshalb verbunden waren, weil es sich um eines der meist gespieltesten Stücke auf polnischen und deutschsprachigen Bühnen handelt. Mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Marion Eiselé konnte schließlich eine weitere Instanz befragt werden, die mit ihrer künstlerischen Handschrift essentiell zum Erfolg der Greifswalder und Stralsunder Aufführungen beigetragen hat. Es versteht sich von selbst, dass das Greifswalder Ensemble für die polnische Dramatik in Deutschland charakteristische Rezeptionsblockaden nicht außer Kraft setzen konnte. Jedoch werden diese, wie das mit Andreas Dobberkau und Jan Bernhardt geführte Gespräch verdeutlicht, in einem sich am Text orientierenden und doch über diesen hinauswachsenden Spiel überwunden, das aktionsreich das spannungsvolle Verhältnis von Komödie, Tragödie und Farce auszuloten sucht.

Erweitert wird die spiegelbildartig Text und inszenatorische Praxis sowie ihre Deutung in Beziehung setzende Dokumentation dieses Bandes durch Zeichnungen von Irene Schwidurski, einer 1938 in Goldberg (Schlesien) geborenen Grafikerin. Entstanden sind sie in unmittelbarer Reaktion auf den Besuch der Aufführung im Theater Vorpommern und die vorherige Lektüre des Textes von Mrozek. Fasziniert vom Bühnenraum und den dynamischen Aktionen der Schauspieler, wird ihr die Zweidimensionalität des Bildes zum Raum, indem sie mit abstrakten Linienformen Figuren andeutet und die widerspruchsvollen Beziehungen zwischen diesen durch Überlagerungen und Farbkontraste erahnbar werden lässt. Auf ihre eigene, bildkünstlerische Weise nähert sie sich so „Tango“ und lässt dabei, Vergangenes und Gegenwärtiges zusammentreffend, die Aufführung lebendig werden.

Indem vorliegender Band Erträge eines Dialogs präsentiert, den Theaterpraktiker und Künstler sowie Studierende und Lehrende mit Mrozeks Text, aber auch immer wieder miteinander geführt haben, ermöglicht er außergewöhnliche Einblicke in die Rezeption eines polnischen Stückes am Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Band erhofft durch das spiegelbildartige in Bezug setzen von Text und Bild, von inszenatorischer Praxis und Deutung dazu anzuregen, Deutungsperspektiven aufzugreifen, zu diskutieren und in neue Zusammenhänge einzuordnen. Nicht zuletzt sollen die mitabgedruckte Strichfassung des Theaters Vorpommern, Kostümentwürfe und Fotografien die Schwerpunkte der Greifswalder Inszenierung dokumentieren sowie für Lehre und Forschung bereitstellen.

Als Herausgeberin möchte ich allen danken, die zum Gelingen des Projektes und des Bandes beigetragen haben, an erster Stelle meinen Studentinnen und Studenten sowie Michael Düring, die mich mit Ihrer Neugierde und Ihrem Interesse für die polnische Dramatik angesteckt und die Herausgabe dieses Bandes mit vorangetrieben haben.

Ganz besonderer Dank gilt dem Ensemble des Theaters Vorpommern, den an der Aufführung beteiligten Schauspielerinnen und Schauspielern, der Regisseurin Uta Koschel sowie der Bühnenbildnerin Marion Eiselé, ohne die das Projekt undenkbar gewesen wäre. Jan Bernhardt und Andreas Dobberkau danke ich im Namen aller Beteiligten für die geduldige Bereitschaft, mit der sie unsere Fragen beantworteten und zum Teil ganz persönlich Einblicke in ihre schauspielerische Arbeit gewährten. Vielmals danke ich Herrn Michael Baumgarten, der jederzeit ein offenes Ohr für unsere Wünsche hatte und unsere Zusammenarbeit mit dem Theater in allen Phasen des Projektes kenntnisreich und engagiert gefördert hat.

Frau Eiselé und Irene Schwidurski danke ich für ihre künstlerischen Beiträge, mit denen sie, inspiriert vom Text, die Inszenierung begleitet haben bzw. ihre ganz persönliche Sicht auf „Tango“ ins Bild setzten.

Für Beiträge zu den Drucklegungskosten bedanke ich mich bei der Philosophischen Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Michael Düring und Rolf Göbner danke ich für das Korrekturlesen.

Ute Scholz

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