Emotion in sound? 11/2012 (Steffanie Hüttl)

TeatrBrama_04

Rezension von Steffanie Hüttl zur Aufführung des  Theaters Brama im Rahmen des PolenmARkTes 2012 (November 2012)

Auftrag angenommen: eine Rezension über das Teatr Brama im Theater Vorpommern in Greifswald schreiben. Dabei handelt es sich um einen Kreis junger Schauspieler aus Goleniów, der sich im Jahre 1996 gründete, inspiriert von der Idee des „armen Theaters“ des bekannten Regisseurs Grotowski.

Das Programmheft des Polenmarktes stellt die Aufführung „Empfindung im Klang“ als „Gesangstheater“ vor.

Was genau ist ein Gesangstheater? Das Programmheft  wahrte das Geheimnis. Logischer Weise könnten Musik und Gesang mit im Spiel sein. Aber wie sind diese mit dem Theater vereinbar? Im Programm wird erklärt es handle sich um, „die schönsten Lieder aus Armenien, Georgien, der Ukraine, Skandinavien, dem Balkan, Polen, Korsika und Spanien“.  Ahnungslosigkeit macht sich breit! Erinnerungen an die polnische Nationalhymne steigen auf. Melodisch, kämpferisch, stark, stolz, laut, wie Hymnen eben klingen. Eindeutig eine falsche Spur. Bleibt noch die Oper.  Gesang in Italienisch und geschauspielert wird auch. Den Text zu verstehen, sollte schwierig werden. Das Beste wäre vielleicht, sich wie im Falle der Oper, auf das Bühnenbild, die Kostüme, die Schminke und die Musik zu konzentrieren…

Zwei Schauspielerinnen schuppsen die Zuschauer freundlich in den Saal. Der Saal ist dunkel. Direkt in der Mitte — eine kleine Bühne. Weinrote Stühle umrahmen sie. So nah ist das Publikum den Schauspielern im Theater sicher nicht oft! Aufregend. Jedes Zucken in ihren Gesichtern ist zu erkennen! Alle sind schwarz gekleidet. Bis auf zwei gehen alle barfuß.

Ein Bühnenbild fehlt.  Auch der Lichtmeister und die Kostümbildner scheinen frei zu haben. Lediglich ein paar Musikinstrumente befinden sich auf der Bühne, dazu die Schauspieler. Zehn an der Zahl, fünf Männer, fünf Frauen.

Die Vorstellung von einer Oper ist dahin! Und wieder Ahnungslosigkeit.

Licht aus. Spot an, gerichtet auf zwei Männer. Der eine hantiert mit einem gelben Regenschirm. Was nun? Plötzlich reden sie mit verzerrter Stimme. Vermutlich polnisch. Na Klasse, wo ist hier der Ausgang? Doch eine Frau und ein Mann übersetzen den Text ins Deutsche! Hurra! Ich bleibe!

Es geht um die Schande in der Welt und die  Menschen, von denen es heißt, sie seien panisch und ängstlich. „Wahrscheinlich weil sie Angst vor dem Tod haben“, sagte der Eine. Er behauptet die Menschen verließen sich auf den Messias oder andere Götter, die die Erde besuchen und  ihre Probleme lösen werden.

Plötzlich geht das Licht an, zwei Frauen umarmen sich. Mehrere Personen kommen auf die Bühne; alle umarmen sich. Das Publikum wird einbezogen. Freundschaft, Familie und Freude. Auch Vertrauen, denn eine Frau lässt sich plötzlich nach hinten fallen und ein Mann fängt sie auf. Sollen die Menschen ihre Freude in den Vordergrund stellen? Ein fantastischer Ansatz.

Die Zuschauer lauschen dem Stück ganz aufgeregt. Die Musik ist oft traurig, aber schön. Melancholisch und dramatisch, aber schön. Die Schauspieler brauchen keine Schminke, keine Kostüme, kein Bühnenbild. Sie zeigen nur mit ihren Gesichtern, ihrer Mimik und ihrer Gestik alles was die Zuschauer benötigen, um zu begreifen. Die Akteure halten ihr Gesicht fest — ein Zeichen von Traurigkeit, sie knien sich auf den Boden — ein Zeichen von Verzweiflung, sie liegen auf dem Boden — Kraftlosigkeit, sie drehen sie sich um sich selbst — Orientierungslosigkeit, sie stehen allein auf der Bühne — Einsamkeit, aber sie lachen auch, tanzen schnell, lieben und umarmen sich.

Plötzlich stehen alle erneut gemeinsam auf der Bühne, mit aufgesetzten Gasmasken.  Damit singen sie und dumpfe Laute wandern durch den Raum. Doch gemeinsam ist man stark! Die Masken werden gleichzeitig abgenommen und hochgehoben. Freiheit und Zusammenhalt!?

Die Übergänge der einzelnen Szenen oder Lieder erfolgen oft abrupt, so dass Traurigkeit schnell in Fröhlichkeit umschlägt. Von einem Tief zu einem Hoch, wie es jeder von uns kennt.

Wie die Schauspieler benötigen auch wir zum Kommunizieren weder Kostüme, noch Schminke oder gar ein Bühnenbild. „Empfindsamkeit im Klang“, genau das ist es! Musik vermag uns dabei zu unterstützen. In einem solchen Augenblick ist es egal, welche Sprache wir sprechen.

Text: Steffanie Hüttl
Foto: Eva Held

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