Theaterworkshop „Evviva l’arte“ 14.11.2012 (Trintje von Herlyn)

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„Vom goldenen Vlies bis zur Goldreserve der  Bundesbank in Amerika“ oder: Spannendes Theaterprojekt am Lehrstuhl für Slawische Literaturwissenschaften der Universität Greifswald 

Am 14.11.2012 trafen sich Studierende der Slawistik und anderer Fächer, die im Rahmen der General Studies  ein Seminar zur polnischen Dramatik besuchen,  zusammen mit der Schauspielerin Katja Klemt (Greifswald) und dem Regisseur und Oliver Spatz (Berlin), um Rezeptionsblockaden auszuloten, die bei der Aufführung polnischer Stücke im deutschen Sprach- und Kulturraum zu überwinden  sind.

Auf Wyspiańskis Stück „Die Hochzeit“ (Wesele) und seine ungewöhnliche Entstehungs- und Aufführungsgeschichte durch Ute Scholz (Greifswald) eingestimmt, nutzten die Studierenden aus Polen und Deutschland die Möglichkeit, um über Schwierigkeiten nachzudenken, die Aufführungen  polnischer Stücke im In- und Ausland zu verhindern vermögen.

Zwar hatte der bekannte Dichter im damals zu Österreich gehörenden Kraków relativ günstige Umstände vorgefunden, die die Entstehung  eines Stückes befördert hatten, das gängige Dramentraditionen in Frage stellte, jedoch blieb zunächst eine positive Zuschauerresonanz aus. Wie versteinert waren die Zuschauer am Ende der  Uraufführung auf ihren Plätzen sitzen geblieben. Vergeblich auf  Beifall hoffend, verließ der Autor und Regisseur das Theater heimlich über den Bühnenausgang.  Erst allmählich avancierte das ungewöhnliche Stück in Polen zum Klassiker, wovon nicht zuletzt der Umstand zeugt, dass sich jüngere Dramatiker wie Mrożek, Gombrowicz oder etwa Rózewicz in ihren Werken auf die um 1900 entstandene „Die Hochzeit“ beziehen. Während diese Stücke auf deutschsprachigen Bühnen häufig gezeigt werden,  hatte es der Text des bekannten polnischen Malers, Bildhauers und Dramatikers Wyspiański bisher im Ausland sehr schwer. Das Stück wurde nur einmal, 1992, durch Andrzej Wajda in Salzburg bei einem Theaterfestival unter Peter Stein inszeniert; und es fiel durch. Gerhard Stadelmaier wetterte  in einer bekannten überregionalen Zeitung „Nicht-Polen ein unverständlicher Spuk: Es geht einen überhaupt nichts an“. Er forderte, das Stück nicht in fremde Sprachen zu übersetzen. Selbst Reich Ranicki, eingestandener Massen, ein großer Liebhaber des polnischen Theaters,  ließ durchblicken, es sei großer Schaden angerichtet worden,  er hätte es lieber in Polen gesehen.

Ein solch spannender Aufhänger war so recht nach dem Geschmack der angehenden jungen Wissenschaftler, die sich nun unter fachkundiger Leitung des Regisseurs und Dramaturgen Oliver Spatz, dessen Spezialgebiet  zweisprachige Inszenierungen mit gemischten Ensembles sind, auf die Suche nach Aufführungen verhindernden und befördernden Elementen begaben.

Das Stück erzählt auf innovative Weise von der Unbeständigkeit der Welt und den unterschiedlichen Facetten der Suche nach Lebensglück.  Dabei wird auch der Traum einer Verbrüderung von Volk und Intelligenz im Kampf gegen die Teilungsherrschaften in Polen zerstört. Deutschsprachige Zuschauer tun sich in der Regel schwer damit, Anspielungen zu erfassen, die polnischen Zuschauern im Unterschied dazu, völlig geläufig sind. Schwierigkeiten bereitet auch die Symbolsprache des Textes, mit deren Hilfe Geschichte und Alltagsgeschichte  verfremdet und vieldeutig aufgeladen werden. Fiktive Gestalten, die plötzlich von an der Wand hängenden Bildern herabsteigen oder ein Strohgebinde, das den Rosenstrauch im Garten vor Frost schützen soll, werden plötzlich lebendig und verzaubern die Hochzeitsgesellschaft.

Aus diesen und anderen die Rezeption erschwerenden intermedialen Bezügen wählte die Gruppe in den Text eingestreute Verweise auf K. Przerwa-Tetmajers bekannte Hymne „Evviva l‘arte“ aus. Wyspiański spielt darin wie A. Hantz feststellte, die Lebenshaltung der Krakówer Bohème gegen die biedere Moral der Krakówer Bürger aus, die nur an Materielles denken. Fasziniert vom parodistischen  Umgang des jungpolnischen Dichters mit dem Gedicht seines Zeitgenossen, schlüpften die jungen Leute in einer sich anschließenden Übung  nun selbst in vorher bestimmte Rollen oder gestalteten den Text mit eigener Phantasie aus. Im Dialog mit dem von ihren polnischen Mitstudenten vorgetragenen Originaltext produzierten sie sich u.a. als Amme, als Provinzpolitiker oder auch Seelsorger und Hochschuldozent. Nicht nur der auf dem Boden liegende Torso staunte dabei wie jeder einzelne von ihnen,  sich exemplarisch auf ein Theatermittel  konzentrierend,  neben dem vertrauten Unterrichtsraum auch das polnische Gedicht in deutscher Übersetzung zu neuem Leben erweckte.

Am Ende verzahnten sich Theorie und Praxis auf neue Weise. Die seinerzeit im Vorpommerschen Landemuseum aufgeführten zweisprachigen Inszenierung des goetheschen „Reineke Fuchs“ kommentierend, ermöglichte er den Anwesenden tiefe Einblicke in selbst erprobte Modelle der Synthese von Gegengiften, also in „borderbreaker“, wie er es formulierte. Alle Beteiligten vereinte der von U. Kurdewan und P.-J. Klawier laut ausgesprochene Wunsch, den begonnenen Austausch von Erfahrungen, unterschiedlichen Arbeitsweisen und Ideen nicht zuletzt im Interesse eines deutsch-polnischen Dialogs recht bald fortsetzen zu können.

 Trintje von Herlyn

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