„Trylogia“- im Rückblick 12/2012 (Edith von Hahn im Gespräch mit Sebastian Undisz und Hanna Sewing)

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„Trylogia“- im Rückblick. Edith von Hahn im Gespräch mit dem Komponisten Sebastian Undisz und der Chorleiterin Hanna Sewing. November 2012.

Frau Sewing, während des Kulturfestivals PolenmARkTes haben Sie mit der Produktion von „Trylogia“ in Zusammenarbeit mit dem Universitätschor Szczecin, Musikern und Schauspielern aus Berlin und Greifswald sowie mit ihrem eigenen Greifswalder Chortippus eine neuartige Mischung aus fiktiver Radioliveshow, Chorfestival und Theater realisiert. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Hanna Sewing: Der Grundstein für unsere Zusammenarbeit wurde im letzten Jahr bei der Produktion des Nauticals „Shanties und Tattoos“ gelegt. Dabei habe ich Sebastian Undisz und Oliver Spatz kennen gelernt. Aus dieser Produktion heraus entstand der Wunsch, so etwas in der Art wieder zu machen, allerdings mit einem größeren musikalischen Ensemble. Alles passte sehr gut zusammen: Oliver Spatz hatte das know how für die szenische Produktion, Sebastian die Musik und ich hatte einen Chor.

Frau Sewing, war das Trylogia-Projekt für Sie erfolgreich?

Hanna Sewing: Aus künstlerischer Sicht gibt es bei Musiktheaterprojekten und Konzerten immer etwas, was hätte besser laufen können, oder etwas, woran ich als Chorleiterin noch intensiver hätte arbeiten wollen.

Der Prozess innerhalb dessen diese Aufführung entstand, war eine Bereicherung für alle Beteiligten. Das ist der wichtigste Punkt. Auf ihn kommt es letzten Endes an. Sowohl musikalisch, als auch gruppendynamisch ist auf dem letzten Probenwochenende zu „Trylogia“ unheimlich viel passiert.

Herr Undisz, Ihre Stücke gewannen Ohrwurmcharakter, die Musik löste bei den beiden Chören eine unglaubliche Dynamik aus. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Sebastian Undisz: Einen großen Anteil an meiner Musik haben die Textvorlagen. Sie müssen mich ‚anspringen‘, dann kommen mir sofort Ideen. Viele Sachen entstanden spontan beim Proben. In solchen Fällen fließt der „Spirit“ der Situation und aller Beteiligten mit ein; das sind oft die schönsten Musiken. Mir scheint häufig, als schwebten sie dann ohnehin im Raum, ich muss sie nur noch aufschreiben.

Frau Sewing, welche Rolle spielte bei der interkulturellen Begegnung die Musik von Herrn Undisz?

 Hanna Sewing: Eine zentrale! Die Musik ist so komponiert, dass sich der polnische und deutsche Chor ergänzen. Ohne den jeweils anderen Chor ist die Musik unvollständig. Die klangliche Wirkung ist nur  zusammen mit dem Partnerchor zu erreichen.

Zum anderen ist das Arbeiten mit Musik immer eine schöpferische Tätigkeit, die ein Aufeinander zu Gehen, ein Zuhören und nicht zuletzt ein sich Anpassen erfordert. Ein schönes Beispiel dafür ist die Entwicklung, die beide Chöre von Freitag bis Sonnabend durchlaufen haben. Am Freitag Abend auf der ersten gemeinsamen Chorprobe ähnelte das Einsingen mehr ein Wettkampf, als einem gemeinsamen Musizieren. Es wurde schnell deutlich, dass die Kollegen aus Szczecin in Sachen Lautstärke deutlich mehr zu bieten hatten als unser Chor. Das häufigere, regelmäßige Stimmtraining und ein ganz anderer Stimmbildungsstil machten das möglich. Meine Sängerinnen fühlten sich   eingeschüchtert. Im Laufe der Proben zeigte sich aber, dass, wir uns zwar in der Lautstärke nicht mit dem Chor aus Szczecin messen würden können, wohl aber ein größeres Spektrum an dynamischer Variabilität einzubringen haben würden.

Wie gelang es diese unterschiedlichen Stile zu verbinden?

Hanna Sewing: Am Freitag Abend war ich mir gar nicht sicher ob es uns überhaupt gelingen würde, erfolgreich gemeinsam aufzutreten. Aber wir hatten ja ein festes gemeinsames Ziel: zusammen schön zu klingen, wie EIN Chor.

Musikalisch gesehen wertet man Chorgesang in Westeuropa als „schön“ wenn der Klang homogen und dynamisch vielseitig, die Intonation einheitlich, der Text gut verständlich ist. Und daran haben wir gearbeitet:

Dies gelang nur, weil jeder der Beteiligten die Stärken des jeweils anderen erkannte und bereit war, diese zu würdigen. Als hilfreich erwies sich auch eine sehr offene Kommunikation über die konkreten Bedürfnisse des Partners. So haben wir sofort gespürt und akzeptiert, dass beide Chöre unterschiedliche Formen des Einsingens praktizieren. An dieser Stelle möchte ich dem Szczeciner Chor nochmals ein großes Lob aussprechen und auch danken, dass er bereit war,  sich in kürzester Zeit auf eine neue Dirigentin einzulassen; eine Musikerin, die ganz anders arbeitete als der choreigene Dirigent.

Herr Undisz, wie Frau Sewing eben ausgeführt hat, zeichnen sich ihre Kompositionen dadurch aus, dass die Werke nur mit Hilfe deutsch-polnischen Besetzungen vollständig sind. Jeder trägt seinen Teil bei. Ohne diesen Part kann die Aufführung nicht gelingen. Das ist eine ganz neue Art, gemeinsam Musik zu machen.
Daraus ergibt sich ein großes interkulturelles Lernpotenzial.  Beabsichtigten Sie dies, als Sie anfingen, Musik für die polnisch-deutschen Inszenierungen von Herrn Spatz zu schreiben?

Sebastian Undisz: Das war kein klar definiertes Ziel, sondern hat sich beim Arbeiten zwangsläufig ergeben. Dass die verschiedenen Sprachen und auch die Vertreter zweier Nationen durch die Musik zusammen kommen und einander brauchen, hat einen hohen Symbolwert.

Hatten Sie, als Sie die Trylogia-Stücke komponierten, schon so eine große Besetzung im Kopf?

Sebastian Undisz: Nein, davon konnte ich nur träumen! Die Lieder aus „Reineke Fuchs“ beispielsweise waren nur für vier singende Schauspieler gedacht.

Warum ließen sie dann Chöre auf der Bühne erscheinen und kein Orchester mit einigen Solisten?

Sebastian Undisz: Die Kompositionen sind von Anfang an sehr gesangslastig. Eine Erweiterung der Gesangsparts bot sich an. Die instrumentale Begleitung hat also eher eine unterstützende Funktion. Durch ein Orchester hätten sich allerdings die Verhältnisse zwischen Gesang und Instrumenten gänzlich verschoben, vielleicht wäre dann die Musik „gekippt“.

Chor und Band – das ist eine eher ungewöhnliche Kombination.
War das Ensemble in Ihren Augen musikalisch erfolgreich?

Sebastian Undisz: Ich glaube schon. Mit den Musikbearbeitungen ist es ja so eine Sache: soll / will / darf man etwas Neues hinzufügen, wie weit entfernt man sich vom ursprünglichen Charakter der Musik? In diesem Fall habe ich mich ja selbst gecovert, das ist schon etwas ganz Spezielles. Ich konnte dadurch Stimmen schreiben, die ich ohnehin schon im Inneren gehört habe, aber mangels Personal nicht hörbar machen konnte. Nun hatte ich aber genügend Sänger, das war toll! Obendrein ist die Band ihrer ursprünglichen Begleitaufgabe gelegentlich untreu geworden, was für Erfrischung gesorgt hat.

Hanna Sewing: Die Band hat uns viel geholfen. Intonation, Tempo und Rhythmus wurden durch die Band getragen.

Nicht unterbewertet werden sollte auch der Spaßfaktor. Zusammen  mit der Band potenzierte sich dieser. Und unabhängig von allen künstlerischen Gesichtspunkten ist es für das Publikum immer angenehmer, einem Chor zuzuhören, dem es ganz offensichtlich Spaß macht, zu singen. Da verzeiht man gerne (oder überhört gar) die musikalischen Defizite.

Und darauf kommt es ja letztendlich auch an. Ein Konzert, bzw. eine Musiktheateraufführung soll Aufführenden und Publikum Freude machen. Wir wollen die Menschen mitnehmen und für eine Stunde aus ihrem Alltag entführen. Wenn ein Kontakt zwischen beiden Seiten entsteht, der vielbenannte „Funke“ überspringt, dann ist es für alle eine Bereicherung.

Herr Undisz, welche Musik planen sie als Nächstes, worauf dürfen wir uns 2013 freuen?

Sebastian Undisz: Ich denke, es geht irgendwie unter die Erde.

Was wäre ihr Traumensemble für ihre nächsten Werke?

Sebastian Undisz: Im Mittelpunkt stehen auf jeden Fall die Sängerinnen und Sänger aus Polen und Deutschland. Die Arbeit mit den Chören hat dazu geführt, dass ich mir kaum noch Musik ohne sie vorstellen kann. Ich würde mir gerne noch mehr Musiker wünschen, möglichst Blechbläser – passend zur Musik „unter Tage“. Vielleicht geht es formal in Richtung weltliches Oratorium.

Die intensive Arbeit am Probenwochenende zum Polenmarkt und die außergewöhnliche Atmosphäre haben mich jedenfalls inspiriert!

Dafür wünsche ich schon jetzt viel Erfolg.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Fotos: Eva Held

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Eine Antwort zu „Trylogia“- im Rückblick 12/2012 (Edith von Hahn im Gespräch mit Sebastian Undisz und Hanna Sewing)

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