Die Vielfalt der Projektionen macht’s! Ausstellungseröffnung im Koeppenhaus Greifswald

Eröffnung der Ausstellung „Wild, bedrohlich und Fremd? Russland eine intermediale Annäherung“ im Literaturzentrum Vorpommern.

VernissageRussland_05Russland ist nicht nur groß wie jüngst ein Blogger titelte, sondern auch facettenreich und bunt. Das gilt besonders dann, wenn wie in der kürzlich eröffneten Ausstellung Selbst- und Fremdbilder ineinander gespiegelt und hinterfragt werden. Seit Oktober 2014 haben Studierende der Slawistik mit Partnern aus Os- und Westeuropa interessante, teilweise provozierende Bildkonstruktionen zusammengetragen und analysiert, die einen eindrucksvollen Einblick in Mechanismen der Bild- und Meinungskonstruktion ermöglichen.

Für die Ausstellung wurden nicht nur Archivmaterialien aus dem Bestand des Museums Saratov an den Ryck geholt, die wie Liubov Belotserkovskaya am Beispiel sowjetischer Fliegerinnen im Zweiten Weltkrieg zeigt, das spannungsvolle Verhältnis zwischen der den Frauen durch die Gesellschaft zugeteilten Funktion und ihrem individuellem Selbstbild offen legen. In Kyjiv, L’viv, Kraków und St. Petersburg wurden u.a. durch M. Saul, A. Becker u. K. Katzek, Graffiti oder auch Plakate aufgespürt, die altbekannte Muster aufgreifen und diese ausgehend von den eigenen Wünschen und Hoffnungen, aber auch Ängsten, umdeuten. Neben einem ukrainischen Heiligen Georg, der eine Schlange bekämpft, die das Land von zwei Seiten her angreift, gehören dazu auch Beispiele, die Russlands Präsidenten Putin mit einem ihm angeklickten oder angemalten Bart zeigen. Gerade angesichts der gegenwärtigen Krise dienen dabei, so Adam Wasiak, traumatische historische Erfahrungen immer wieder als Muster, um Gegenwärtiges zu deuten. Ergänzt und vertieft wird das Thema der hybriden Identitätskonstruktion durch eine ansprechende Bäreninstallation, die das komplizierte Wechselspiel von dämonisierendem Fremdbild und liebevoll verklärendem Selbstbild aufscheinen lässt. Alexander Bakschewitsch und Maximilian Siering fütterten den Bären mit Zeitungsartikeln und Materialien u.a. aus dem amerikanischen Wahlkampf, die auch das offizielle Selbstbild Russlands beeinflussten. So wollten sie verdeutlichen, dass alles irgendwie verbunden ist, dass sich Selbst- und Fremdbilder immer auch gegenseitig ‚anstacheln‘.

Darauf nehmen auch andere Objekte Bezug, die sich mit Äußerungen Putins auf einer Pressekonferenz im Dezember 2014 beschäftigen, das Verhältns von Präsident und Land kreativ durchleuchten, oder die wie der auch in Australien erscheinende „Spectator“, dem russischen Bären einen Krokodilschatten andichten. David Dees, ein Karikaturist aus den USA, ist in der Ausstellung mit einer mehrdeutigen Collage vertreten, auf der alle am Ukrainkonflikt beteiligten Seiten, so Kristin Kreiseler, ihr Fett wegbekommen. Im Internet stießen die Studenten auf farblich anders unterlegte Varianten der Collage, die Sinndeutungen umkehren. Doch das verwundert die Studierenden nicht. Für sie, so Katharina Ortlieb, Jean Sawizki und Brita Neumann, handelt es sich um ein willkommenes Beispiel, das deutlich macht, auf welche Weise zeitgenössische Medien unsere Deutung der Welt vorstrukturieren.

Auf dem postmodernen Stand der Dinge sind übrigens auch die in der Ausstellung vertretenen zeitgenössischen Künstler, zu denen Irene Schwidurski gehört, die sich von provozierenden Auslegungen in verschiedenen Medien zu eigenen künstlerischen Deutungen anregen ließ.

Alles ist Konstruktion findet auch ein eigens aus Berlin zur Vernissage angereister Besucher. Je weniger man nach einer abgebildeten Wahrheit sucht, desto näher kommt man der Wirklichkeit, die niemals im Äußeren liegt.

Im Zusammenspiel mit den von den Studierenden angefertigten und in einer Begleitbroschüre bereitgestellten Analysen und Zusatzinformationen trägt die in Kooperation mit dem Koeppenhaus Greifswald und Journalistikstudenten aus St. Petersburg gestaltete Ausstellung dazu bei, Wahrnehmung zu schulen, und in Bildern mehr als eine authentische Darstellung der Realität zu sehen.

Wer dies selbst ausprobieren möchte, hat dazu noch bis zum 21.2.2015 im Koeppenhaus Greifswald eine einzigartige Gelegenheit.

VernissageRussland_16 VernissageRussland_01P1150670P1150605 P1150604 P1150602P1150662P1150679

Advertisements
Bild | Dieser Beitrag wurde unter Alle Beiträge veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s