FORSCHEN UND LEHREN. Literaturwissenschaftlerin der Universität Voronež zu Gast am Institut für Slawistik

Mit Boris Ejchenbaums Sujethaftigkeit (sjuzetosposobnost‘) einen formalistischen Ansatz wählend, widmete Tamara Aleksandrova Nikonova ihren Vortrag zeitgenössischen Texten der russischen Literatur. Im Mittelpunkt stand mit dem kürzlich erschienenen Roman „Aviator“ (der Flieger) vor allem das dritte Buch Ihres Sankt Petersburger Kollegen Evgenij Vodolazkin. Als farbenfroh und optimistisch bezeichnet, wurde der Text Tat’jana Tolstojs Antiutopie „Kys‘“ gegenüberstellt. In der angeregten Diskussion, die Tat’jana Malinski für Studienanfänger ins Deutsche übersetzte, sprach die aus Vologodsk stammende und selbst unter einem Pseudonym schreibende Literaturwissenschaftlerin von der unerfüllten Sehnsucht nach einem glücklichen Leben, die das Sujet von Vodolazkins Text bedienen kann, während sich T. Tolstaja für eine intertextuell aufgeladenen Dystopie entschied, die dem Leser viel Kraft abverlangt. Im Unterschied zu Vodolazkins Rezipienten  muss sich dieser auf einen Rückfall in eine archaische Gesellschaft totalitären Zustands einlassen, der immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln umkreist wird und am Ende in eine zwar mehrdeutige, doch neue Katastrophe mündet. Ob möglicher Weise der Name des Titelheldens Platonov zu der höheren Wichtung von „Aviator“ beigetragen hat, konnte nur vermutet, nicht jedoch in der Diskussion geklärt werden. Auf jeden Fall hat Platonov die aus Vologodsk stammende Literaturwissenschaftlerin immer beschäftigt. Von 1989 bis zum Jahr 2011 leitete sie das renommierte Internationale Platonovseminar. Bekanntheit erlangte ihre Monografie zum  Mythologem des „‚Neuen Menschen‘ in der russischen Literatur von 1900 bis in die 1930-er Jahre“. Außerdem war sie unzählige Male als Herausgeberin tätig. Neben Platonov bestimmten auch andere, mit der Schwarzerderegion um Voronež verbundene und zu Weltruhm gelangte Autoren die Forschung der seit 1979 an der Philologischen Fakultät der Universität Voronež Lehrenden. Zu ihnen gehören Bunin, Zamjatin und Mandel’stam. Autoren die in die innere Emigration gingen, oder für längere Zeit im Ausland lebten.

Bereits von 1982-1993 hatte T.A. Nikonova den Lehrstuhl für Russische Literatur des 20. und 21. Jh., Literaturtheorie und Folklore an der Universität Voronež  inne, den sie nun seit dem Jahr 2000 erneut über die zahlreichen Klippen der russischer Bildungsreformen führt. Nach Greifswald kam sie auf Einladung einer ehemaligen Studentin, die sich noch sehr gut an die lyrisch veranlagte, begabte und engagierte Hochschullehrerin erinnert und hervorhebt, dass es der Greifswalder Gast war, der sie schon damals an die russische Literatur im Vergleich mit westeuropäischen Strömungen und Autoren heranführte. Damals wie heute liegen T. A. Nikonova  besonders die jungen Wissenschaftlerinnen am Herzen, die im Heimatland oft unterbezahlt, auf die Unterstützung von Stiftungen angewiesen sind und  ihren Weg durch das Antragsdickicht suchen. Bleibt zu hoffen, dass der Weg an den Ryck sich auch aus dieser Perspektive gelohnt hat.

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