Wenn Stereotype die Oberhand gewinnen (Julia Ostertag)

Rezension von Julia Ostertag anlässlich der Ausstrahlung von  Joe Wrights Film „Anna Karenina“ (2012) zur Weihnachtszeit 2016 im deutschen Fernsehen

Mit „Anna Karenina“, einer britisch-französischen Verfilmung aus dem Jahre 2012, verzauberte Joe Wright („Stolz und Vorurteil“, 2005) nun vier Jahre nach der Erstaufführung, die deutschen Wohnzimmer in der besinnlichen Fernsehweihnachtszeit. Schneebedeckte Landschaften, anmutige Walzerklänge und in kostbare Pelze gehüllte Damen von Hof – allzu schön fügen sie sich in die Illusion des Winterwunderlandes ein, das Reklame und Fernsehen gern beschwören. Aber klopfen da nicht Stereotype an unsere Tür?

Mit dem auftaktig in den Blick genommenen Schriftzug „Imperial Russia, 1874“ und einer imposanten Ouvertüre von Dario Marianelli, er war für den Soundtrack des Films verantwortlich, setzt das Spektakel ein, dem „Anna Karenina“ das in den 1880 er Jahren verfasste Werk Lev Tolstojs zu Grunde liegt. Vom Regisseur als Drama postuliert, überrascht die erste Szene mit Komik pur. Ein Barbier macht sich an Stepan Arkadevič  Oblonskijs Bart zu schaffen und rückt ihm tanzend mit seinem Barbiermesser immer näher. Die anmutigen Züge des Fürsten (Matthew Macfadyen) verziehen sich während der nun folgenden Gesichtsmassage des Barbiers zu kindlichen Grimassen, was nahezu grotesk wirkt. Das Ganze erinnert stark an eine Ballettaufführung. Die Darsteller brillieren mit choreographischen Elementen, jede Bewegung scheint auf einen Takt abgestimmt zu sein – alles wirkt durchdacht und harmonisch.

Während Anna (Keira Knightley) einen Brief lesend von der Bühne abtritt, wird hinter ihr für den Zuschauer gut sichtbar die Szenerie gewechselt. Der Film nutzt dieses Moment im weiteren Verlauf immer wieder, um anstelle von Moskau Sankt Petersburg als urbanen und ideell-geistigen Gegenentwurf in den Blick zu nehmen. Joe Wright und seine Bühnenbildnerin Katie Spencer kratzen dabei allerdings am russischen Stolz, wenn sie die Schönheit Sankt Petersburgs und Moskaus auf den Schlossplatz, beziehungsweise die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz reduzieren. Auch Annas Blick aus dem Fenster während der Zugfahrt nach Piter, wie die Russen Sankt Petersburg liebevoll nennen, fällt lediglich auf ein zartes, hellblaues Aquarell. Die weiteren Szenenbilder liefern prunkvolle Inneneinrichtungen der jeweiligen Adelshäuser, was der Regisseur auf die Spitze treibt, als er Ekaterina Ščerbackaja alias Kitty  (Alicia Vikander) vor einer gigantischen Kulisse aus Wolken und Engeln thronen lässt. Im Kontrast dazu wird das Landgut Levins (Domhnall Gleeson) so inszeniert, dass der Zuschauer glauben muss, Tolstoj selbst habe sich dort in seiner Spätphase in einem einfachen Bauernkittel niedergelassen. Ein klassisches, russisches Landhaus, umgeben von einem Getreidefeld soweit der Horizont reicht, Bauern in traditioneller Kleidung, die das Feld mit einer Sense mähen. Nicht nur Szenenbilder, auch die Kostüme der Protagonisten und Statisten werden gut sichtbar vor der Kamera gewechselt. Diese Verfremdungseffekte a lá Brecht wirken zwar originell, stehen jedoch im offenkundigen Kontrast zur Klischeehaftigkeit der aufgerufenen Russlandbilder.

Anna, die letztendlich an den gesellschaftlichen Umständen und ihrem selbst gewählten Schicksal zerbricht, steht die Rolle der naiven Liebhaberin deutlich besser, als die der liebevollen Mutter, denn sie scheint den Grafen mit mehr Zärtlichkeit zu umsorgen, als ihren eigenen Sohn. Graf Vronskij (Aaron Taylor-Johnson) wird zu einem Vorzeige-Casanova des 19. Jahrhunderts, welcher jedoch noch in den Kinderschuhen zu stecken scheint. Seine strahlend weiße Uniform und nicht zuletzt sein Narzissmus fügen sich zu dem Bild eines Mannes, welcher neben Karenin (Jude Law) wie ein lüsterner Bengel mit Schnurrbart erscheint. Im Gegensatz dazu wird Levin, der bärtige Rothaarige vom Land, kurzerhand in einen edlen schwarzen Frack mit Zylinder gekleidet – was auf den Betrachter eher grotesk als nachvollziehbar wirkt.

Das Leitmotiv des Zuges, Sinnbild nicht nur der Moderne, sondern auch des tragischen Selbstmordes, den Tolstojs Heldin im Roman am Ende begeht, wird im Film von Beginn an in den Blick genommen. Egal, ob es die Reisen der Protagonisten durch die Weiten Russlands sind, oder ob Sereža (Oskar McNamara) mit seiner Spielzeugeisenbahn Kurven dreht, der Zuschauer wird immer wieder zum Ort des tragischen Geschehens, zum Bahnhof zurückgeführt.  Dadurch verändert sich der Blickwinkel. Der tragische Grundgestus des Buches wird abgemildert, der Zuschauer sieht sich veranlasst, dem Selbstmord auf den Grund zu gehen.

Der Film vermag Zuschauer zu begeistern, die an einer kreativen, nicht normativen Gestaltung von Stoffen interessiert sind, die die Literatur „vorgibt“. Einen russischen Roman von über eintausend Seiten in etwas mehr als zwei Stunden westliches Kino zu fassen ist ein mutiges Vorhaben. Auf moderne, ja fast postmoderne Art geben sich Gattungsmischungen zu erkennen. Daran vermögen andere Regisseure, Theatermacher und Ballettmeister anzuknüpfen. Impulse gehen auch von den intermedialen Vernetzungen aus. Doch ist es nicht auch eine Stärke des modernen Kinos, noch dazu wenn es vorgibt auf Verfremdung und Dekonstruktion zu setzen, Klischees zu hinterfragen um den „Anderen“ in seinem „Ich Sein“ und seiner „Andersartigkeit“ zu würdigen?

Die Vielschichtigkeit Russlands in der besinnlichen Weihnachtszeit wertschätzen? Nein, das wäre wohl zu viel verlangt. Zu einem solchen Zeitpunkt scheint es viel leichter und publikumswirksamer, die Fiktion vom Mütterchen Winterwunderland in alle Wohnzimmer flattern zu lassen.

Collage: Julia Ostertag 2017

 

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