Der flackernde Schatten Svantevits“ als „heiliger Stern polnischer Erinnerung“. Rezension zum musikalisch-literarischen Abend „Arkona & Svantevit“ im Nebel der Jahrhunderte in der Aula der Universität Greifswald am 12.11.2017 im Rahmen des polenmARkT 2017

In diesem Jahr war alles anders. Interessierte Greifswalder und Gäste der Stadt wurden auf das alljährlich im Spätherbst stattfindende Festival polnischer Kultur durch einen musikalisch literarischen Abend in der barocken Aula der Universität eingestimmt.

Das Ereignis stand ganz im Zeichen des bei Dänen, Slawen und Deutschen bekannten Naturgottes Svantevit. Dieser hat über Jahrhunderte hinweg nicht nur Archäologen, sondern auch Historiker sowie Literatur- und Kulturwissenschaftler zum Nachdenken über das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit angeregt. Während Archäologen und Hobbyarchäologen noch im 19. Jh. nach den Überresten eines Tempels auf Arkona suchten, in dem die von Helmold von Bosau und Saxo Grammaticus beschriebene Skulptur einmal gestanden haben soll, wurde spätestens im 20. Jahrhundert klar, dass mögliche Überreste längst im Meeres versunken sind. Hinzu kam die Erkenntnis „auch Clio“, also die Muse der Geschichtswissenschaft, dichtet. Was lag angesichts dieses Umstandes näher, als die Frage aufzuwerfen, was die tatsächlich stattgefundenen, aber verschieden überlieferten Ereignisse der Vergangenheit und ihre Transformation in künstlerischen Texten miteinander zu tun haben.

Die nur auf den ersten Blick verstörende Bezeichnung polenmARkT ist in mehr als zwanzig Jahren längst zum Markenzeichen für Kunstgenuss und tiefgründige Hintergrundinformationen zur deutsch-slawischen Wechselseitigkeiten geworden. Diesem Anliegen folgend richteten die OrganisatorInnen des Abends  ihren Blick darauf, was slawische Dichter, Maler und Musiker ausgerechnet im 19. Jahrhundert nach Rügen führte und sie zu poetischen Umdeutungen Arkonas und der im Norden Rügens „beheimateten“ slawischen Gottheit bewegte.

Zu denen, die Svantevit im für die Literatur- und Kunstentwicklung so reichen 19. Jh. aus dem Nebel der Zeiten „auferstehen“ ließen, zählt Jadwiga Łuszczewska. Zusammen mit ihrem Vater besuchte die historisch gebildete und in die europäischen Kunstdebatten verwickelte Dichterin 1857 die Nordspitze der Insel Rügen. Sie hinterließ im Gästebuch des Leuchtturms einen Eintrag, in dem sie auf die Bedeutung des Svantevit für das polnische nationale Selbstbild hinwies. Im Salon ihrer Eltern in Warschau hatte sie schon frühzeitig Historiker, Musiker, Maler und Dichter kennengelernt, die sich auf Herder stützend für slawische Mythen und Legenden interessierten.

Noch währen des Rügenaufenthaltes verfasst sie an die Mutter gerichtete Reisebriefe. Diese erscheinen wenig später in der „Gazeta Warszawska“. Darin beschreibt Sie wie  aus ihrem tiefen Inneren der „flackernde Schatten Svantevits“ als „heiliger Stern polnischer Erinnerung“ auf den Burgwällen Arkonas erscheint. Auch das im Jahr darauf veröffentlichte Poem „Die Liebe der Götter“ ist im ossianschen Geist gehalten. Svantevit, dessen Standbild Saxo fest in der Erde verankert hat, erhebt sich nun zusammen mit dem im Tempel stehenden Orakelpferd in die Lüfte und fliegt „im Nebel […] über den Stürmen“, „weiß wie die Wolken, donnernd wie ein riesiger Fluss.“ Als Schlachtenhelfer und Schutzheiliger greift er in die kriegerischen Auseinandersetzungen ein, in die sich die Slawen im entbehrungsreichen 19. Jh. hineingestellt sahen. Slawistische Schatzsucher unter der Leitung von Michael Fritsche haben das Poem ausgegraben, seine poetische Bildsprache ins Deutsche gebracht und sich an einer ersten Nachdichtung versucht, die sie nun in der Aula erklingen lassen. Lebendig und anschaulich geben Sie so dem ihrer Einladung zahlreich gefolgten Publikum einen Einblick in das Werk einer jungen polnischen Dichterin.  Aus ihrem poetischen  Konstrukt konnten an der Wende zum 20. Jahrhundert weitere westslawische Dichter, Künstler und Musiker künstlerisches Kapital schlagen.

Zusammengehalten wurde der Abend nicht nur durch durch Łuszczewskas Werk, sondern auch durch die für alle Beteiligten wichtige Frage, wie aus vermeintlich Geschichtlichem Kunst wird und warum Arkona und Svantevit im Laufe vieler Jahrhunderte so verschieden gedeutet worden sind. Dabei stellte sich heraus, dass die vielfältige Ausdeutungen, die Svantevit im Laufe der Zeit bei Slawen, Dänen und Deutschen erfahren hat, auch aufschlussreich sein kann, um das Spiel mit Selbst- und Fremdbildern in den zeitgenössischen Medien und ihre Vermarktung zu erfassen.

Studierende des Instituts für Kirchenmusik und Musikwissenschaften unter der Leitung von Martin Loeser moderierten den Abend und vollbrachten das Kunststück, scheinbar nebeneinander Stehendes wie den Vortrag Fred Ruchhöfts zu den archäologischen Überresten auf Arkona, die dichte Einführung zu den uns fremden und doch so nahen Identitätskonstruktionen  in westslawischer Historiografie, Kunst und Literatur sowie Blüten der polnischen Romantik und das tschechische Opernrepertoire Zdeněk Fibichs sinnvoll miteinander zu verbinden.

Letzteres kam in Form der Ouvertüre aus Fibichs Oper „Der Fall von Arkona“ (1898) zur Geltung, präzise und klangvoll intoniert durch Raik Harder. Der Pianist hatte Fibichs Musik speziell für diesen Abend zu seiner „Eigenen“ gemacht und träumt nun von einer Aufführung mit einem Orchester.

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