Als Mutter wird man nicht geboren oder: Muttermythos, Entstehung und Zerstörung (Jewgenia Barnert)

Rezension von Jewgenia Barnert zur Aufführung des Theater Kana „Das Projekt Mutter“ im Theater Vorpommern, 16.11.2018, 20.00 Uhr.

Kinder zu bekommen, ist zum Projekt geworden. Einem Projekt, das zum Großteil auf Frauenschultern lastet und sich in die lange Reihe anderer Projekte einordnet, von denen die Menschheit im einundzwanzigsten Jahrhundert glaubt, sie wären überlebensnotwendig. Hinzu kommen Karrierewahn und das Streben nach Selbstoptimierung, die nicht selten in Überforderung enden. Angesichts dieser Tatsachen erscheint es nicht nur legitim, sondern auch mutig, dass Bibianna Chimiak, Marta Giers-Sanecka und Karolina Sabat, drei begabte Schauspielerinnen vom TEATR KANA aus Szczecin, anonyme Einträge frustrierter Mütter aus Internetblogs auf die Bühne bringen. Regie führte Mateusz Przyłęcki, der als Mann wohl nie die Freuden einer Schwangerschaft kennenlernen wird. Vielleicht ist es gerade deshalb kein Stück von Frauen für Frauen, denn die Frage, wie der Nachwuchs aufzuziehen ist, betrifft alle, nicht nur die Eltern, sondern auch vorhergehende und nachfolgende Generationen in verschiedenen Ländern und Gesellschaften sowie die entsprechenden Vertreter von Politik und Wirtschaft. Ein Thema also, das nicht nur für Polen aktuell ist. Der hohe Erwartungs- und Erfolgsdruck, der auf Frauen jeden Alters, jeder Gesellschaftsschicht und Herkunft lastet, ist immer präsent und hat seit der Premiere des Stückes im Jahr 2014 nicht an Aktualität verloren.

Die an diesem Herbstabend im Rubenowsaal versammelten ZuschauerInnen zeigen sich von der auf der Bühne herrschenden Gruppendynamik zunächst überrascht. Doch schon sehr schnell lassen sie sich ein auf das, was die TheatermacherInnen gekonnt ausgewählt haben und ohne feste Handlungsstruktur präsentieren. Ironische Bezugnahmen auf eine purpurne Glückseligkeit, die  werdenden Müttern immer wieder in Büchern, Zeitschriften und im Internet in Aussicht gestellt wird, wechseln abrupt zu einer drastischen Hommage an Pussy Riot.

Nicht nur die grelle Kleidung und Kopfbedeckungen, für die mittlerweile im Internet Strickanleitungen verbreitet werden, erinnern an die russischen Protestlerinnen, die 2012 mit ihrem Auftritt in der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau einen weltweiten Medienrummel auslösten. Zusätzlich haben sich die Darstellerinnen für ihren tagtäglichen Kampf mit Knieschonern bewaffnet und spotten so jeder stereotypen Vorstellung von Weiblichkeit. Nach kurzem Innehalten öffnet sich eine Tür. Durch den Spalt fällt ein greller Lichtstrahl auf die sonst leere, dunkle Bühne. Erwartungsvolle Gesichter von  Frauen scheinen auf, die ihre Kinder in Empfang nehmen. Eng an pinkfarbene Gymnastikbälle geschmiegt, die mit ihrer Kugelform das neue Leben symbolisieren, bewegen sich die Frauen in einem Reigen der Fruchtbarkeit. Doch kaum ist die Geburt vorbei, da werden sie mit der harten Realität in Form einer Krankenschwester konfrontiert: „Wir liegen nicht, wir stehen auf“. Gehorsam nehmen die Mütter auch später ihren Platz hinter dem Bügelbrett ein, lassen sich auf die  Prophezeihungen ihrer angeblich erfahreneren Vorgängerinnen ein und verzweifeln an nicht eingehaltenen Richtwerten. Auf eindrucksvolle Weise setzt die Gruppe mit Licht-Schatten-Effekten eine Frau in Szene, die sich mit erhobenen, tütenbehangenen Armen auf die Zuschauer zubewegt und dabei einen Schatten in Form eines Kreuzes wirft. Auf absurde Weise werden die sich im Alltag abmühende Frau und der Opfertod Christi für die Menschheit miteinander assoziiert. Wer an dieser Stelle noch glaubt, es könne sich um eine Referenz handeln, die auf die Bedeutung der katholischen Kirche in Polen anspielt, wird schnell „belehrt“. Ein Videoclip läuft an, der für die Berufstätigkeit von Frauen zu werben scheint. Eine glückliche Mutter lächelt in die Kamera, während sich ihr Ehemann hingebungsvoll mit den Kindern beschäftigt. Unklar bleibt, wer hier einer Illusion anheimfällt – die Mütter? die Gesellschaft? oder gar die Regierung? Das Stück endet mit einem Protest-Rap gegen das auf Tabuzwänge zurückzuführende heimliche Bruststillen im öffentlichen Raum. Während Zeitschriften und Internet pausenlos ent-blößte Frauenkörper in Szene setzen und Frauen in erster Linie als ästhetisches Lust-objekt vermarkten, werden die angeblich so geschätzten und oft idealisierten Frauen und Mütter aus der Kultur ausgegrenzt, wenn sie sich dem natürlichen Prozess des Stillens in der Öffentlichkeit hingeben. Und so verstecken sich die Mütter auf schmutzigen öffent-lichen Toiletten und ihre Kinder müssen zusammen mit der Muttermilch den widerlichen Geruch von Urin aufnehmen.

Das Bühnenbild bestimmen drei weiße Vorhänge. Nur wenige Requisiten – eine Anleihe beim avantgardistischen Theater, das in Polen über eine lange Tradition verfügt – sind zu sehen. Phantastisch, wie sich die hochaktiven Schauspielerinnen synchron bewegen und mit Sprechgesängen auf die Nöte ihrer Prototypen aufmerksam machen. Es ist ein intermediales Stück par excellence, in dem Mimik und Gestik, Musik, Sprechgesänge und Filmisches aufeinander abgestimmt sind. Selbst an Übertitel für Nichtmuttersprachler-Innen ist gedacht. Allerdings erschweren wechselnde Sprechtempi teilweise den Rück-griff auf die eingeblendeten Passagen. Der aufmerksame Zuschauer fühlt sich hin- und hergerissen.  Er begreift die Tempiwechsel als ein wichtiges Charakteristikum der Performance, die den unsteten Lebenstakt der Mütter aufnimmt. Das Stück lebt nicht von Dialogen, sondern entfaltet einen ganz eigenen Rhythmus. Zugleich ist es ohne Text nicht denkbar, denn dieser provoziert, verschönt nichts und ist bis an die Grenzen des Sagbaren ehrlich. Gerade, was die verwendete umgangs- bis substandardsprachliche Lexik betrifft.

Als eine gelungene Veranstaltung im Rahmen Kulturfestivals „polenmARkT“ 2018 trägt das Stück „Projekt Mutter“ dazu bei, den theatralen Blick auf unser Nachbarland Polen zu weiten. Es fordert dazu heraus, eigene Erfahrungen mit denen unserer polnischen NachbarInnen zu vergleichen. Obwohl sich die Zuschauer in Abhängigkeit von eigenen Erlebnissen von Zeit zu Zeit an verschiedenen Stellen des Stückes mit Lachen und Klatschen bemerkbar machten, waren sie sich am Ende einig, eine Aufführung höchster Güte erlebt zu haben. Sie bedankten sich bei den mutigen AkteurInnen mit begeistertem, lang anhaltendem Beifall.

Fotografien: Marek Fiałek

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